Domingas aus Tchicucurula

Als Geschäftsführerin von JAM Schweiz reiste ich im Juni 2018 in das angolanische Dorf Tchicucurula. Dort erlebte ich, wie eine erfolgreiche Brunnenbohrung das Leben vieler Menschen augenblicklich verbessert. Diesen emotionalen Moment werde ich nie vergessen.

Es ist ein heisser Junitag, als wir im Dorf Tchicucurula im Westen Angolas ankommen. Ich bin müde von der kurzen Nacht, die wir in Zelten campierend verbracht hatten. Doch mein Adrenalinspiegel steigt sofort, als ich die zwei Bohrfahrzeuge von unserem JAM-Water-Team von der Hauptstrasse ins Dorf einfahren sehe. Wenn alles klappt, werden wir miterleben, wie ein Brunnen gebohrt wird und hunderte von Menschen erstmals in ihrem Leben sauberes Wasser trinken können.

Krank zu sein ist normal

Während die technischen Vorbereitungen an der Bohrstelle laufen, unterhalten wir uns via Dolmetscher mit einigen Frauen aus dem Dorf. Eine von ihnen ist Domingas Cassungo. Die zierliche 33-jährige wirkt ernst und skeptisch. Sieben Kinder hat sie geboren und ihr ganzes Leben lang schon trinken sie das grünlichgraue Wasser aus dem Fluss, bzw. dem selbstgegrabenen Wasserloch. Ob sie oft krank seien, frage ich sie. «Natürlich», lacht Domingas ironisch. Sie kenne nichts anderes, als immer wieder krank zu sein. Später erfahren wir, dass im vergangenen Jahr zwei  Dorfbewohner an den Folgen von verunreinigtem Wasser gestorben sind.

Die alte Wasserstelle ist eine graue Pfütze

Es ist Domingas, die uns zu der Wasserstelle führt, aus der sie und die anderen Dorfbewohner ihr Wasser schöpfen. Es geht eine steile Böschung hinab, wo uns eine trübe Wasserpfütze erwartet. Wie krass, denke ich! Das ist tatsächlich das Wasser, das die Leute hier trinken müssen. Während der Regenzeit gibt es Wasser im Tchicucurula-
Fluss. Jetzt, im Sommer, ist er ausgetrocknet. Als einzige Wasserquelle dienen Pfützen wie diejenige, vor der wir gerade stehen. Der Wasserspiegel ist so tief, dass die Frauen immer erst warten müssen, bis sich das Loch
wieder auffüllt. Da Wasserholen in Afrika traditionell Frauenarbeit ist, hiess es für die Frauen bisher, jeden Tag ganz früh aufzustehen, sich auf den Weg zu machen und an der Schlange am Wasserloch zu warten, bis jede an der Reihe ist.

Mit dem Wasser kommt die Lebensfreude

An der Bohrstelle haben sich mittlerweile zahlreiche Zuschauer aus dem Dorf versammelt, es sind auffällig viele Frauen unter ihnen. Gespannt warten sie auf den Bohrfortschritt. Während sich der Bohrer langsam nach unten durchfräst, wird nach jedem Meter eine Bodenprobe entnommen, um zu sehen, in welcher Erd- oder Gesteinsschicht
der Bohrer gerade ist. Endlich kommt die erlösende Nachricht: Der Bohrturm ist auf Wasser gestossen! Als eine erste Fontäne aus dem Bohrloch schiesst, gibt es unter den Frauen kein Halten mehr. Voller Freude stellen sie sich unter die Wasserfontäne, tanzen ausgelassen unter den Wassertropfen und klatschen in die Hände. Der erste Schnelltest der Wasserqualität fällt positiv aus und verheisst klares und trinkbares Wasser. Damit wird für die Menschen ein Traum zur Wirklichkeit.

Freudentränen und Dankbarkeit

Die Freude und Dankbarkeit der Frauen kennt keine Grenzen. Als sich unser Team parat zur Abfahrt und auf den Weg zur nächsten Etappe macht, kommt eine ganze Gesandtschaft zu unseren Fahrzeugen, um uns zu verabschieden
und ihre Dankbarkeit zu bezeugen. hält es nicht auf ihren Füssen. Auch ich bin völlig überwältigt. Von diesem Wunder, das ich gerade miterlebt habe, von dem Wissen, was das saubere Wasser für diese Frauen
und ihre Familien bedeutet und von dem unverdienten Privileg, auf der helfenden Seite stehen zu dürfen.

Nelli Sattler

Geschäftsführerin JAM Schweiz

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